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Gastbeitrag: „Akribie – Wer wir sind und was uns beschäftigt“

13. Oktober 2010

Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen, die in Bibliotheken arbeiten und Bibliotheken lieben und die sich seit mehr als 20 Jahren kritisch mit dem Thema Bibliothek und Gesellschaft auseinandersetzen.

Wir halten Bibliotheken für wichtig, aber wir diskutieren und arbeiten auch an der Frage: welche Bibliotheken meinen wir? Wir wollen z.B. Bibliotheken, die sich aktiv für den freien Zugang zu Informationen für alle Bevölkerungsgruppen einsetzen. Das bedeutet vielerlei: Z.B. bedeutet für uns „freier Zugang zu Informationen“: keine Zensur, keine generellen Internetfilter, keine Gebühren. Denn auch Gebühren beeinträchtigen den freien Zugang zu Informationen. Freier Zugang zu Informationen für „alle Bevölkerungsgruppen“ bedeutet für uns auch, Zugang für Minderheiten, z.B. MigrantInnen oder gefangene LeserInnen, und zwar Zugang zu der Literatur, die sie brauchen. Menschen mit Migrationshintergrund benötigen insbesondere auch Zugang zu Literatur in ihren Mutter- oder Herkunftssprachen.

Aber auch der zunehmend erschwerte Zugang zu öffentlichen Bibliotheken für Kinder, alte Menschen und alle, deren Radius aus unterschiedlichen Gründen eingeschränkt ist, durch die immer weiter fortschreitende Schließung von Zweigstellen ist für uns ein Thema. Wenn es nur noch wenige kommunale Bibliotheken gibt, und nicht mehr eine öffentliche Bibliothek in jedem Ort oder Stadtteil, schließt das die genannten Gruppen von der Benutzung aus.

Der freie Zugang zu Informationen wird auch erschwert durch politische Rahmenbedingungen wie die mangelnde rechtliche Absicherung und massive Unterfinanzierung der öffentlichen Bibliotheken in Deutschland. Aber es geht uns nicht nur um eine kontinuierliche finanzielle Förderung von Bibliotheken und Bibliotheksgesetze, sondern auch um die individuelle Verantwortung der Bibliotheksbeschäftigten. Egal ob es um den Umgang mit „schwierigen“ BenutzerInnen, Datenschutz, RFID-Einführung, NS-Raubgut, Bestandsaufbau oder -aussonderung, um die Anpassung an Marktmechanismen bei den Auswahl- und Präsentationskriterien geht, jedeR Einzelne ist gefordert, sich dazu eine Meinung zu bilden und diese zu vertreten. Folgerichtig ist auch das Recht auf freie Meinungsäußerung am Arbeitsplatz für uns wichtig.

Akribie und ethische Fragestellungen

In unserer Geschichte haben wir uns wiederholt mit dem Thema Ethik und Bibliotheken beschäftigt: auf dem Bibliothekartag in Leipzig 2000 mit einem Vortrag und einer Publikation zum Thema „Ethische Grundsätze in der bibliothekarischen Praxis?“, und auf dem Bibliothekartag in Mannheim 2008 mit einer Veranstaltung mit dem Titel: „Ethik von oben“, wo wir uns mit den im Jahr zuvor vom BID auf dem Bibliothekskongress in Leipzig verabschiedeten Ethik-Leitlinien mit dem Titel „Ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe“ beschäftigt haben.

Indirekt waren alle unsere Themen von „Zensur in Bibliotheken“ über gebührenpflichtige „Bestsellerausleihe“, „freie Rede am Arbeitsplatz“, „Public Private Partnership in Bibliotheken“, „Beutebücher“ bis hin zu unserer Polenreise (auf den Spuren der deutsch-polnischen Bibliotheksgeschichte von der NS-Zeit bis in die Gegenwart) auch immer eine Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen und vor allem bibliothekarischer Berufsethik. Wie gehe ich als BibliothekarIn mit den mir anvertrauten Benutzerdaten um? Mit dem kulturellen Erbe? Wie erfülle ich den Auftrag, für den freien Zugang zu Informationen für alle Bevölkerungsgruppen einzutreten – wenn z.B. durch Beschluss der Leitung die Schließung meiner Bibliothek droht und Bürgergruppen sich für den Erhalt meiner Bibliothek einsetzen? Wie verhalte ich mich bei Konflikten? Wie stehe ich zu ehrenamtlich tätigen BürgerInnen, wie zu gänzlich ehrenamtlich geführten Bibliotheken? Woran orientiere ich mich?

Ein weiteres Thema ist der Einfluss neuer Managementmethoden in Bibliotheken, wie z.B. durch neue Steuerungsmodelle unter Anwendung der Kosten-Leistungs-Rechnung, durch das Controlling mittels Produkt-Kennzahlen und Benchmarking.

Wie weiter?

Die Zukunft nicht nur der Bibliotheken, sondern auch von Akribie ist ungewiss. Zur Zeit machen wir offiziell Pause, denn Akribie ist es nicht ausreichend gelungen, die nachwachsende Generation für unsere Arbeit zu interessieren. Aber der harte Kern arbeitet weiter und hat bereits für den nächsten Bibliothekartag in Berlin im Juni 2011 eine Veranstaltung angemeldet, zu dem Thema: Das Schicksal der Bibliotheken in Berlin 1990-2010 oder: Geht das Bibliothekssterben weiter?

Bibliothekarische Berufsethik von unten wird hoffentlich weiter ein Thema bleiben. Dieser Blog ist dafür ganz hervorragend. Und auch wir haben den Eindruck, dass in letzter Zeit bibliothekarische Berufsethik von unten etwas mehr zum Thema geworden ist. Oder vielleicht eher die Informationsethik? Dazu hat die Online-Zeitschrift Information for Social Change gerade ein von Mikael Böök betreutes Themenheft herausgebracht: ISC No.30 Summer 2010.

Eine sehr interessante Zusammenstellung von durchaus unterschiedlichen, aber lesenswerten Artikeln, von  „Google: An Ethical Corporate Pirate?“ (Mikael Böök), über „Introduction to the Ethics and Ecology of Reading“ (Luca Ferrieri). „Talking About Information Ethics in Higher Education“ (Toni Samek), „Ethical Reflections on the 9/11 Controversy“ (Elizabeth Woodworth), „Data Adsorptents, Data Emitters and Databases in Politics“ (Amelia Andersdotter), „On the Closing of the Scientific Library of the Finnish Meteorological Institute“ (Marke Hongisto), „Public Lending Right: General Considerations and Controversial Aspects“ (Marianna Malfatti) u.a.

Interessanterweise handeln die wenigsten Artikel von Bibliotheken, dabei bietet auch die bibliothekarische Berufsethik jede Menge diskussionswürdige Themen.

Webadresse von Akribie: www.akribie.org

Hinweis auf die neueste Ethik-Broschüre von Akribie:

Ethik im Bibliotheksalltag? Berichte aus zwanzig Jahren kritischer Bibliotheksarbeit 1988-2008. Von Frauke Mahrt-Thomsen und Maria Kühn-Ludewig. Nümbrecht: Kirsch Verlag (http://www.kirsch-verlag.de/), 2010. (Akribie; 5) 168 S. ISBN 978-3-933586-68-1, 9,50 € Inhaltsverzeichnis (als PDF)


Laura Held für Akribie

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