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Die Hacker-Ethik stinkt!

21. Mai 2012
Obey all the Rules

Obey all the Rules?

Es ist ja immer interessant wie andere communities sich einen code of ethics basteln. Am vergangenen Wochenende war ich bei der SIGINT in Köln (siehe dazu auch die Berichte in meinem anderen Blog) und da gab es einen Vortrag „Integrity is doing the right thing, even if nobody is watching.“ von @tante. Dieser brachte Vorschläge zu einer Neufassung der hackerethics (es gibt auch eine großartige Version op kölsch) des Chaos Computer Clubs.

Dieser code of ethics ist in einer Zeit entstanden als die Möglichkeiten der Computer gerade entdeckt wurden, ziemlich von der Faszination der damaligen neuen Technologien geprägt und also ziemlich in die Jahre gekommen. Auch @tante findet diese Ethik widersprüchlich und nicht anwendbar.

Die Folien zum Vortrag sind online (bitte nicht von der „gay bar“ in der URL irritieren lassen😉, hier meine Notizen dazu:

Zu Beginn wurde die Notwendigkeit einer speziellen Hacker-Ethik dargelegt: nämlich Definition eines „common grounds“ und die Schaffung einer „Handreichung für junge Hacker“ zur Hackersozialisation. In den Anfangszeiten des Clubs wurde Wissen viel stärker im persönlichen Kontakt weitergegeben, dadurch bestand eine größere Möglichkeit zur „sozialen Kontrolle“. Heute kann man sich einfach irgendwelche hacking tools runterladen und viel autonomer agieren.

Eine Ethik ist aber auch für die Kommunikation nach außen wichtig, etwa um den leidigen Unterschied zwischen Crackern und Hackern erklären zu können.

Dann wurde auf die Probleme in der bestehenden Ethik eingegangen

Alle Informationen müssen frei sein.

„Müssen“ ist hier eine ziemlich absolute Aussage, die das Recht auf Privatsphäre einschränken kann

Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut und nicht nach üblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Rasse, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung.

„Übliche Kriterien“ klingt etwas schräg und eigentlich sollten alle Menschen – nicht nur Hacker – nicht nach so etwas beurteilt werden. Der meritokratische Aspekt („nach dem was er tut“) kann zu Problemen und „burn-out“ führen, wenn erwartet wird, immer wieder neue und tolle Projekte zu machen (darüber wurde auch in der Session Geeks und Depressionen diskutiert).

Man kann mit einem Computer Kunst und Schönheit schaffen.

Spiegelt schön die Euphorie der Anfangsjahre wieder, hat aber eigentlich nichts in einer Ethik verloren.

Computer können dein Leben zum Besseren verändern.

Eigentlich sollte sie ja das Leben aller verbessern…

Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen.

Widerspricht dem „Informationen müssen frei sein“.

Generell würden in dieser Ethik auch Handlungsempfehlungen und Entscheidungshilfen fehlen, das macht sie praktisch nicht anwendbar.

Danach  brachte der Referent folgenden Diskussionsvorschlag:

Axiom 1:
Daten sind neutrale Objekte.

Privat und öffentlich sind keine inherenten Attribute. Diese Axiom war heiß diskutiert. Im Prinzip stimme ich dem aber zu, erst die Nutzung und der Kontext gibt ihnen eine Wertung.

Axiom 2:
Jeder Mensch hat das Grundrecht auf Kommunikation und den Ausdruck seiner oder ihrer Meinungen, Ideen, Gedanken und Wünsche.

Das heißt aber auch, dass Kommunikationsinfrastruktur nie zerstört werden darf, keine Zensur unterstützt werden darf und dass es beispielsweise auch nicht OK ist Nazi-Shops zu hacken.

Nach diesen Axiomen kamen dann folgende Regeln:

Regel 1:
Der kategorische Imperativ gilt auch beim Hacken.

Dies ist quasi die „Fallback“-Regel die über allen steht. In der Diskussion wurde dann festgestellt, dass sie dann eigentlich keine Regel ist sondern in eine Präambel o.ä. gehört.

Regel 2:
Schütze die Interessen der Einzelperson.

D.h. auch Menschenrechte vor Organisation, im Prinzip ist das ähnlich dem Grundgesetz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. In der Diskussion wurde vorgeschlagen „Interessen“ durch „Rechte“ zu ersetzen.

Regel 3:
Vermehre öffentliches Wissen.

Regel 4:
Akzeptiere und achte deine Mitmenschen und ihre Bedürfnisse, bilde keine Eliten.

Also ein Aufruf zu mehr Empathie.

Regel 5:
Kümmere Dich um die anderen Hacker.

Diese Regel ist eine Reaktion auf die „burn-out“ Fälle in der community.

Regel 6:
Schaffe mehr Möglichkeiten in der Welt. Bauen statt zerstören.

Was auch heißt: „Baue nichts, was zerstört“, also eine Art „Zivilklausel“.

Regel 7:
Lass Dich nicht als Werkzeug missbrauchen.

Einerseits eine Reaktion auf die historischen KGB-Hacks, andererseits richtet sich das auch gegen Formen des Online-Protests wie sie etwa Anonymous durchführt. Einfach mal schnell ein DDOS-Programm herunterzuladen, das laufen zu lassen ohne genau zu wissen gegen wen sich das richtet, ist eben nicht im Sinne dieser Ethik.

Regel 8:
Fordere Aussagen, Regeln und Systeme heraus, challenge Authorities.

Das richtet sich einerseits nach außen, andererseits fordert das aber auch dazu auf, innerhalb des Clubs anderen Hackern nicht nur wegen deren Status zu vertrauen sondern mitzudenken.

Regel 9:
Hab Spaß, sei kreativ, sei eine Kraft der positiven Veränderung.

Heißt aber auch in seiner Arbeit zurückstecken zu können, wenn man merkt,  das x-te neue Projekt ist nur mehr Mühe.

Interessant war noch ein Zusatz  für die praktische Anwendung dieser Regeln:

Heuristik:
Wenn Du 2 oder mehr Regeln brichst, ist es eine schlechte Idee.

Zitat: „unter Umständen kann es notwendig sein, beim Aufdecken von gefährlichen Entwicklungen Einzelpersonen herauszustellen, wenn man dabei aber keinen Spaß hat, läuft was falsch“

Ich finde ja, dass @tante da schon einen recht durchdachten, praktischen Entwurf vorgestellt hat, der sich eigentlich auch ganz gut auf BibliothekarInnen umlegen lässt. Schließlich wollen wir ja auch „öffentliches Wissen mehren“.

Die Diskussion geht übrigens im Blog weiter und auch ein Piratepad zur kollaborativen Textarbeit wurde eingerichtet. Ich bin gespannt!

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